Mittwoch, 26. Oktober 2016

Die Verarschung von Autos

Beitrag zum Wochenende der Graphik 2016

Das Wochenende der Graphik naht! Maskottchen Graphine hat sich ins Auto gesetzt und den Weg vom Museum Schloss Moyland zur LUDWIGGALERIE angetreten. Ihr Gefährt: Martin Gensheimers Autozeichnerei zu korrekten Preisen. „Sehr gut“, findet Graphine, „denn im Kulturbereich ist ja selten Raum für große Investitionen!“ Wir haben mit „Autohändler“ und Künstler Martin Gensheimer gesprochen. Wie man Autopreise mit Fäden ausmisst, warum er so viele Autos zeichnet und weshalb er trotzdem einmal aus Spaß zweieinhalb Stunden zu Fuß gegangen ist.

Meisterwerke der Autozeichnerei zu korrekten Preisen, 2013 © Martin Gensheimer


Unser Werk zum Wochenende der Graphik ist Ihre „Autozeichnerei“ – wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, Autos zu skizzieren?

Angefangen habe ich damit 2010. Da habe ich mal so aus dem Fenster meiner Wohnung gezeichnet – schließlich waren überall Autos ringsum. Ich sage aber gleich mal, dass Autos nicht gerade mein Lieblingsmotiv sind (lacht). Ehrlich gesagt nerven sie mich sogar eher, denn heutzutage sind Autos alle gleich und kaum noch zu unterscheiden.

Jetzt war es aber so, dass ich in Oberhausen gearbeitet habe und da immer mit dem Fahrrad hingefahren bin. Der Weg war ganz spannend, deshalb habe ich beschlossen, den doch einfach mal zu Fuß zu gehen. Da war ich dann zweieinhalb Stunden unterwegs (lacht). Deshalb dachte ich, wenn ich den Weg schon gehe, muss es sich auch lohnen. Also finanziell lohnen. So habe ich mir vorgenommen, alle Autos zu zeichnen, die ich unterwegs sehe. Damit bin ich dann aber direkt vor der Haustür gescheitert, weil es so lange gedauert hat – und ich musste ja auch irgendwann auf der Arbeit ankommen. Also habe ich unterwegs nur sporadisch Autos gezeichnet und beschlossen, die Zeichnungen dann eben zu verkaufen.

Martin Gensheimer mag am liebsten kastige Autos © LUDWIGGALERIE

Der volle Titel der Werke lautet „Meisterwerke der Autozeichnerei zu korrekten Preisen“. Woran bemessen sich denn Ihre „korrekten Preise“?

Das mit dem Preis ist immer schwierig. Wenn man einen Preis festlegt, muss man sich fragen: Was hat die Kunst, die ich mache, eigentlich für einen Wert? Manchmal war es dann zu billig, manchmal auch zu teuer. Und dann dachte ich, ich probiere mal, was rauskommt, wenn ich die gezeichneten Striche messe, in dem ich einen Faden darauf lege und das dann mit einem Zollstock messe. Das habe ich dann „Fadenmethode“ genannt (lacht). Ja und dann habe ich Millimeter in Cent umgerechnet. Angefangen hat das bei 1,77 Euro für ein ganz kleines Auto, das ich von weit weg gezeichnet hatte. Ich finde es auch immer gut, wenn sich jeder einfach ein kleines Kunstwerk leisten kann.

Was macht den Stil Ihrer Autozeichnereien aus Ihrer Sicht aus?

Also. Teils entgleiten mir die Zeichnungen ja. Viele Autos sehen aus wie irgendwelche SUVs. Aber dann dachte ich immer, das könnte sich ganz gut verkaufen!
Man erkennt in meinen Zeichnungen zwar das Auto, doch es sieht im Gegensatz zu professionellen Autozeichnern dilettantisch aus. Das ist irgendwie für mich auch ein bisschen wie die Verarschung von Autos. Ich lege es zwar nicht darauf an, aber es wirkt dann meist so.


Meisterwerke der Autozeichnerei zu korrekten Preisen, 2013 © Martin Gensheimer

Welche Autos dienen Ihnen als Vorbild?

Ich habe da schon Vorlieben. VW, Volvo, gern kastige Autos. Die mag ich mehr als stromlinienförmige Fahrzeuge. Und ich zeichne auch Autos, die auffallen. Zum Beispiel wenn einer auf dem Gehweg parkt. Das stört mich dann. Da bin ich wie ein Ordnungshüter. Ich stand auch schon einmal da und habe deshalb ein Auto gezeichnet und jemand dachte, ich schreibe mir das als Vergehen auf (lacht)!

Was wäre Ihr Traumauto?

Ich zeichne unheimlich gern Wohnmobile! Zum Fahren wäre es einfach ein Auto, mit dem man viel transportieren kann.

Bezeichnen Sie sich eher als Fotograf, Graphiker, Designer, …?

Bei mir geht eigentlich alles von der Fotografie aus – mit Ausnahme der Autozeichnereien. Fotos spielen für mich immer eine Rolle. Es ist aber allgemein schwer zu sagen, was genau am besten auf mich zutrifft. Ich hatte mal eine Mappenberatung mit Fotos und Skizzen und da hat man mir gesagt: „Sie sind ein Zeichner!“

Traumauto Wohnmobil: Meisterwerke der Autozeichnerei zu
korrekten Preisen, 2013 © Martin Gensheimer (3)


Ist Graphik ein Stiefkind in der Kunst?

Ich glaube schon, dass Grafik einen altmodischen Charakter hat. Gerade die Druckgrafik. Betrachtet man das Internet und die Neuen Medien, wirkt es antiquiert. Aber dieses Image kann man ja durchaus nutzen. Als ich mal Aschewolken skizziert habe, habe ich ganz detailliert mit kleinen Kästchen gearbeitet, sodass viele Graustufen entstanden sind. Die Leute in der Ausstellung dachten erst, das wären billige Ausdrucke von Fotos und waren dann richtig geflasht, als sie gemerkt haben, dass es Zeichnungen waren. Die Bedeutung kam in diesem Fall durch den antiquierten Stil.

Muss Graphik moderner werden, damit sie auch wieder populärer wird?

Es gibt ja schon modernere Dinge wie GPS-Drawing. Das ist auch eine ganz interessante Sparte. Aber als Kunst ist es für mich fragwürdig. Gerade der Druck ist ein spannender Prozess. Ich habe mir sogar mal überlegt, eine Siebdruckmaschine zu kaufen. Grafik muss für mich immer was zum Anfassen sein, wie ein Gebrauchsgegenstand.

Warum macht Graphik Spaß?

Mich reizt es, wie das Papier danach aussieht. Das ist eine Transformation und echt spannend, weil man nur Bleistift und Papier hat – und auf einmal bekommt das durch die Zeichnung einen Wert. Selbst wenn es nur eine minimale Zeichnung ist, eröffnet so etwas einen ganzen Raum.

Das Wochenende der Graphik wurde vom Netzwerk Graphische Sammlungen ins Leben gerufen, denn in Depots lagern reiche Schätze, die leider immer noch zu wenig Beachtung finden. Gemeinsam mit zahlreichen Museen in Deutschland, Österreich und der Schweiz lenkt das Netzwerk nun die Aufmerksamkeit auf die Kunst der Graphik. Online können Interessierte bereits seit dem Sommer den Hashtags #graphikstoryNRW und #graphikmeisterei auf Twitter und Facebook folgen, wo das virtuelle Maskottchen „Graphine“ durch verschiedene Kulturinstitutionen reist und Werke entdeckt.

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