Montag, 7. November 2016

Keine Karikaturen im Paradies


Zeichner Heiko Sakurai im Interview

Täglich flitzt die spitze Feder über das Papier, um uns am nächsten Morgen mit nachdenklichen, ironischen und wachrüttelnden Zeichnungen am Frühstückstisch zu begrüßen. Wer WAZ liest, kennt auch Karikaturist Heiko Sakurai. Alle anderen können seine Werke aktuell in der Ausstellung Wir schaffen das! Politische Karikaturen von Waldemar Mandzel, Thomas Plaßmann und Heiko Sakurai in der LUDWIGGALERIE entdecken. Wir haben mit dem Zeichner über Angela Merkel, Dirty Dancing und die Grenzen von Humor gesprochen.

Heiko Sakurai © LUDWIGGALERIE

 
Angela Merkel ist Ihre zentrale Figur. Was macht sie aus Ihrer Sicht so zeichnenswert?

Angela Merkel ist nun mal die Kanzlerin – und die wird erfahrungsgemäß am häufigsten karikiert, weil sie im Zentrum der meisten innenpolitischen Entscheidungen steht. Mit den Jahren habe ich auch gelernt, wie ich sie am besten zeichne und sie hat als Figur eine Art Eigenleben bekommen – zumindest zeichnerisch.

Gibt es eine Karikatur in der Ausstellung der LUDWIGGALERIE, die sie besonders bewegt oder hervorheben möchten?

Das ist bei den eigenen Karikaturen immer schwierig. Man tut sich leichter damit, Arbeiten zu beurteilen, wenn man Abstand zu ihnen hat. Deshalb würde ich gern eine Karikatur von meinem Kollegen Thomas Plaßmann hervorheben, weil ich noch weiß, wie beeindruckt ich war, als ich sie zum ersten Mal sah: Das Mittelmeer als Friedhof mit Pforte.

Neues Land, 2015 © Heiko Sakurai
 
Die Flüchtlingskrise bietet viele verschiedene Facetten, die man karikieren kann. Ist das ein Thema, zu dem einem nie die Ideen ausgehen können? 

Auch die großen Themen können einem irgendwann zu viel sein. Vor allem, wenn es bedrückende Themen sind. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich Zuwanderung als bedrückend empfinde. Eher die Probleme, mit denen die Flüchtlingsthematik verknüpft ist: den Bürgerkrieg in Syrien, das Anwachsen fremdenfeindlicher Ressentiments und Gewalttaten in Deutschland, den Aufstieg der AfD und auch die Frage, ob wir die Integration bewältigen und welche Sicherheitsrisiken sich ergeben.

Sie berufen sich gern auf kulturelle, religiöse, geschichtliche oder auch alltägliche Symbole, z. B. Vogel Strauß, die Pyramiden oder Dirty Dancing. Bevorzugen Sie gewisse Metaphern?

Ich versuche einfach, zu assoziieren und Verknüpfungen zu finden. Meinetwegen aus dem kulturellen oder geschichtlichen oder sportlichen Bereich oder auch aus dem Boulevard. Es soll nur ein bisschen überraschend und, wenn möglich, lustig sein.

Heiko Sakurai (l.) mit seinen Kollegen Thomas Plaßmann und Waldemar Mandzel © LUDWIGGALERIE
 
Wie kann man sich bei Ihnen den Weg von der Idee bis zum Abdruck in der Zeitung vorstellen?

Es beginnt mit der Information durch Zeitungslektüre, Radio, TV und natürlich online. Dann folgt die Themenauswahl. Beim jeweiligen Thema suche ich mir einen Schwerpunkt oder, sagen wir mal, Angriffspunkt für meine Karikatur, über den ich mir eine Meinung bilde. Manchmal habe ich die auch schon im Voraus. Diese Botschaft muss ich dann in eine Idee umsetzen. Das ist der schwierigste Teil der Arbeit. Wenn ich eine Idee im Kopf habe, ist das Umsetzen meist kein Problem. Ich zeichne eine Skizze – mit Bleistift auf Papier –, spreche mich mit der Zeitung ab und mache dann die Reinzeichnung und Kolorierung am Computer. Dann verschicke ich die Karikatur und lade sie auf meine Homepage. Fertig!

Was liegt Ihnen mehr – das eine Bild, das alles aussagt oder Comic-Panels?

Beides hat seine Reize – es hängt eben von der Idee und vom Thema ab. Comic-Panels sind natürlich aufwendiger.

Es gab ja vor einiger Zeit mal die Diskussion „Was darf Satire?“ Was darf Karikatur aus Ihrer Sicht?

Sie muss eigentlich viel dürfen, im Grunde fast alles. Wo sie zu weit geht, gibt es rechtstaatliche Mittel, um sich damit auseinanderzusetzen, aber das muss man im Einzelfall sehen. Aber auch, wenn ich bei Karikaturen viel tolerieren würde, heißt das nicht, dass ich alles zeichnen würde. Da hat jeder seine eigenen Geschmacksgrenzen und ethischen Grenzen. Insgesamt würde ich aber im Grenzbereich, wo Meinungsfreiheit und das Recht des Menschen, zum Beispiel in seinen religiösen Gefühlen nicht beleidigt zu werden, sich berühren und sich gegenseitig verletzen, eher zur Meinungsfreiheit tendieren.

Der Zeichner im Gespräch mit Direktorin Dr. Christine Vogt © LUDWIGGALERIE
 
Was würden Sie gern einmal mit Blick auf das politische Weltgeschehen zeichnen können/wollen – Utopien eingeschlossen?

Schwer zu sagen! Wir sind nun mal diejenigen, die sich vornehmlich mit „Bad News“ beschäftigen und damit in gewisser Weise von den Fehlern, die auf dieser Welt gemacht werden, profitieren. Wo das Paradies herrscht, werden keine Karikaturen mehr gebraucht. Allerdings wäre es schön, sich auch mal wieder mit Fehlern oder Problemen beschäftigen zu können, die nicht gleichbedeutend sind mit Tod, Vertreibung, Krieg und menschlichen Tragödien.

Heiko Sakurai, geboren 1971 in Recklinghausen, ist mit seinen zugespitzten, kommentierenden Karikaturen seit Jahren in der deutschen Presse- und Medienlandschaft von der WAZ über die Berliner Zeitung bis hin zur Financial Times Deutschland vertreten. Als zentrale Figur seines Schaffens hat er Angela Merkel gewählt, die er regelmäßig als Hauptfigur seines politischen Stammpersonals karikiert. Die Ausstellung Wir schaffen das! Politische Karikaturen von Waldemar Mandzel, Thomas Plaßmann und Heiko Sakurai ist noch bis zum 8. Januar 2017 in der LUDWIGGALERIE zu sehen. Eintritt frei!

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