Donnerstag, 8. Dezember 2016

Die Freude an der politischen Pointe

Karikaturist Waldemar Mandzel steht Rede und Antwort

von Sarah Bauer  

„Wohnort, Beruf, Alter …?“ Der Beamte macht sich fleißig und mit großer Akribie Notizen. Während die Antragsteller gurgelnd im Meer ertrinken. Karikaturist Waldemar Mandzel legt mit seinem warmen Schmunzeln die spitze Feder in die unterkühlte Wunde. Am Sonntag, 11. Dezember, kommt er im Rahmen der Ausstellung WIR SCHAFFEN DAS! zum Talk in die LUDWIGGALERIE. Wir haben ihm vorab schon mal ein paar Fragen gestellt zu Gürtellinien, Inspiration und Weltverbesserern.

Karikaturist Waldemar Mandzel
Waldemar Mandzel, 2016 © LUDWIGGALERIE


Wie kann man sich Ihre Ideenfindung bis zur fertigen Karikatur vorstellen?

Ich sitze am Schreibtisch vor einem leeren Blatt und verfolge die Nachrichten. Nach etlichen Skizzen und Abwandlungen ergibt sich dann irgendwann eine Idee, die ich gedanklich ausbaue und zeichne. Interessant ist, dass ich dabei oft lange aus dem Fenster gucke und nach außen hin scheinbar nichts tue. Ein Großteil der Arbeit spielt sich in meinem Kopf ab und das ist manchmal schwer, anderen verständlich zu machen. Viele denken ja, dass man Arbeit sehen muss, wie bei jemandem, der mit einer Schaufel Kohle schüppt.

Gibt es eine besondere Herausforderung bei so ernsten Themen wie der Flüchtlingskrise und auch Tabus?

Natürlich gibt es auch Tabus und „Gürtellinien“, die nicht unterschritten werden dürfen. Bei der Flüchtlingskrise achtet man besonders darauf, das Elend der Flucht zu karikieren – aber natürlich nicht auf Kosten der Geflüchteten.
Außerdem arbeite ich für viele regionale Zeitungen. Da muss man allgemein aufpassen, dass dem Leser nicht morgens beim Frühstück das Brötchen aus dem Mund fällt. Etwas Grausames oder Sexuelles geht da nicht. Man muss ja bedenken, dass auch Kinder in die Zeitung gucken.

Flüchtlingselend, Zeichnung
Flüchtlingselend, 28.11.2014 © Waldemar Mandzel

Haben Sie eine Lieblingszeichnung in dieser Ausstellung, zu der Sie noch etwas sagen möchten?

Oh, da gibt es mehrere. Aber wenn ich eine herausnehmen muss, dann wäre das die Zeichnung „Flüchtlingselend“. Sie zeigt für mich ein typisch europäisches Verhalten: die überzogene Bürokratie in Extremsituationen. Alles muss seine Ordnung haben – selbst in solchen Momenten. Andererseits: Wird diese Bürokratie nicht eingehalten, wird auch direkt gefragt, wieso nicht sofort alle Daten aufgenommen wurden.

Was treibt Sie an, mit Ihren Zeichnungen Politik und Alltag zu kommentieren?

Es ist die Freude, Geschehnisse der Politik und des Alltags mit einer Pointe zu versehen und auch komplizierte Zusammenhänge auf simple Weise in Form einer Karikatur verständlich zu machen. Die Kunst einer Karikatur ist für mich, dass sie direkt alles ausdrücken kann, worüber ein Redakteur eine halbe Seite mit etlichen Details geschrieben hat. Bestenfalls ist es so gelungen, dass man die halbe Seite gar nicht mehr lesen muss, um alles zu verstehen.
                                                                                         
Sie zeichnen auch abseits von Zeitungen – etwa Bücher oder die Bilderserie vom „kleinen Pfarrer“, die sehr beliebt ist. Er versucht, die altmodische Kirche zu modernisieren. Ist man als Karikaturist auch Weltverbesserer? 

Mit dem Zeichenstift kann man sicher kaum etwas verändern oder verbessern. Eine Tageskarikatur ist in der Regel so schnell wieder vergessen wie eine geschriebene Glosse oder ein erzählter Witz, da bin ich realistisch. Was ich so sage oder schreibe, entspricht der Wirklichkeit aber ich versuche nicht, etwa die Kirche zu modernisieren. Eine Zeichnung ist bestenfalls ein Mosaiksteinchen, das in der Summe mit anderen Formaten vielleicht etwas ausmacht.

Waldemar Mandzel (r.) mit seinen Kollegen Thomas Plaßmann (m.) und Heiko Sakurai (l.) © LUDWIGGALERIE

Wenn Sie kein Karikaturist geworden wären, was wären Sie dann mutmaßlich heute?

Ich habe Grafikdesign und visuelle Kommunikation studiert und illustriere Kinderbücher neben dem Karikaturenzeichnen. Zeichner wäre ich also auch, wenn es die Politik nicht gäbe.

Wenn Sie sich mal eine beliebige gute, schlechte oder skurrile politische Situation in der Welt vorstellen, was würden Sie am liebsten einmal zeichnen?

Es passiert auf der Welt ja immer zugleich jeden Tag etwas Gutes, etwas Schlechtes und Wunderliches. Ich könnte gar nicht sagen, dass ich am liebsten nur noch etwas Schönes zeichnen würde. Bei Karikaturen ist es so, dass die Themen ergiebiger werden, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Und ich sage mal: Böse Clowns sind zwar im Alltagsleben nicht mehr so sehr präsent aber ich glaube, in der Politik findet man sie noch zuhauf. So etwas lässt sich immer gut zeichnen.

Der in Bochum-Wattenscheid lebende Waldemar Mandzel ist neben Heiko Sakurai und Thomas Plaßmann der älteste der in der Ausstellung WIR SCHAFFEN DAS! präsentierten Karikaturisten. Er gehört noch der Generation von Zeichnern an, die ihre Arbeiten ganz traditionell direkt aufs Papier bringen. Mandzel hat Kunst und visuelle Kommunikation an der Folkwang Universität der Künste in Essen studiert. Seine Karikaturen und Cartoons sind heute auch außerhalb des Zeitungskontextes gefragt, sodass er bis heute satirische Bücher, Schul- und Kinderbücher illustriert.

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