Mittwoch, 9. August 2017

Social Media- und Bloggertag #FindingTheUnexpected in den Fotografien von SAM SHAW

Autorin: Natascha Kurek



Letzten Sonntag war es wieder so weit: In der LUDWIGGALERIE fand der dritte Social Media- und Bloggertag statt. Mit der aktuellen Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie zeigt die LUDWIGGALERIE eine umfassende Retrospektive des New Yorker Fotografen Sam Shaw (1912-1999). Er hatte die ganz großen vor der Linse: Marilyn Monroe, Sophia Loren, Woody Allen, Elizabeth Taylor oder Patti Smith – nur um einige wenige Namen zu nennen. Sam Shaw kannte also die Prominenz. So weit, so gut.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

„Doch wird man als Fotograf nur dann berühmt und erfolgreich, wenn man berühmte und erfolgreiche Persönlichkeiten fotografiert?“, wirft Linda Schmitz provokant in den Raum. Eine durchaus berechtigte Frage.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Dem Titel der Ausstellung entsprechend besteht das Ziel des Bloggertages diesmal darin, das Unerwartete zu finden. Zweifelsohne lassen sich unerwartete Pointen auch in seinen Porträts der Reichen und Berühmten entdecken – wir aber begeben uns an diesem Tag eher auf einen Weg fernab des Hollywood-Glamours und richten unsere Aufmerksamkeit auf die arbeitende Gesellschaft sowie auf die kleinen Skurrilitäten des Alltags; denn ja, Sam Shaw interessierte sich als Fotograf auch für die 'Normalsterblichen'. 

Um den teilnehmenden Bloggern eine Fährte vorzugeben, bereiten wir eine kleine Suchaktion vor: Jeder Blogger erhält eine Postkarte, die den isolierten Ausschnitt einer Fotografie von Sam Shaw enthält. Doch welches ist nun das entsprechende Originalfoto in der Ausstellung? Immerhin besteht die Ausstellung aus ca. 230 Schwarz-Weiß-Fotografien...


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Der Startschuss ist gefallen! Die Suche nach dem Unerwarteten kann beginnen! Was keiner der Teilnehmer weiß: Zu jeder einzelnen Fotografie sind jeweils zwei verschiedene Bildausschnitte im Umlauf. Das heißt, im besten Fall findet man nicht nur die richtige Fotografie, sondern man stößt dabei unerwarteterweise auf einen weiteren Suchkompanen.  
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE


Immer wieder pendelt der Blick zwischen dem Postkartenmotiv in der Hand und den Bildern an den Wänden. Mit zusammengekniffenen Augen durchschreiten die Blogger konzentriert die Museumsräume, um das entscheidende Detail bloß nicht zu übersehen. Ganz sicher, dass sich der Bildausschnitt nicht doch als kleines Minidetail in einem dieser Bilder hier versteckt? Lieber noch einmal genauer hingucken. Manch einer droht sogar an der Suchaktion zu verzweifeln. Doch siehe da, wer hätte das gedacht: Opa Hausen (Facebook oder Homepage), der als berenteter Bergmann nicht unbedingt zu den körperlich fittesten Teilnehmern zählt, wird tatsächlich als einer der ersten fündig: „Hier haste doch die Knarre!“.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

In derselben Fotografie entdeckt auch Bloggerin Victoria Walhausen (www.mesdamespottpouri.de) ihr eher unansehnliches Postkartenmotiv: Ein männliches Doppelkinn. Es gehört zu einem korpulenten Sheriff, den Shaw 1946 vor einem Wahllokal in Mississippi fotografiert. Mit der Pistole an seiner Gürtelschnalle, führt er sich eine Pfeife zum Mund, während er die schwarzen Demonstranten bewacht.
Zusammen mit dem befreundeten Autor Harry Henderson besucht Shaw einige Wahlkampfreden von Theodore G. Bilbo (Senator von Mississippi), der für die rassistische White Supremacy-Bewegung wirbt, was die afroamerikanische Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Auch Shaw und Henderson stehen der Bewegung kritisch gegenüber, was sie in ihren Reportagen immer wieder durchsickern lassen. 


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
In der Diskussionsrunde bringen Opa Hausen (alias Dirk Trachternach) und Victoria Walhausen die Komposition der Fotografie treffend auf den Punkt: Mit dem Aufbau des Bildes ist es Shaw gelungen die herrschenden Machtstrukturen eindringlich zu visualisieren. So nimmt der verhältnismäßig hell ausgeleuchtete Körper des Sheriffs fast die Hälfte des Bildes ein, während die Demonstranten als Menschenmasse in den dunklen Bildhintergrund gedrängt sind. In Anbetracht seines eher unansehnlichen Erscheinungsbildes spricht Linda Schmitz sogar von einer „Ästhetik des Bösen“, die Shaw hier greifbar macht.


Ganz in der Nähe haben auch die beiden Bloggerinnen Anja Schmid (http://pottandbeyond.de/) und Katrin Pawlick (www.Literatur-und-Kultur.de) mit ihren Postkartenmotiven zueinander gefunden. Sowohl die übergeschlagenen Hände, als auch der von einer Sicherheitsnadel zusammengehaltene Stoff stellen sich als Attribute der Farmpächterin Mrs. Banks heraus, die Shaw 1943 in Missouri fotografierte.
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Im Wohnraum ihres Farmerhauses sitzt Mrs. Banks vor einem Fenstervorhang. Die Szenerie gleicht einer Porträtsituation im Fotostudio, nur dass die Hintergrundstaffage in diesem Fall dem privaten Lebensraum der Porträtierten entspricht. Gezeichnet von harter körperlicher Arbeit, strahlt ihre Körperhaltung dennoch Selbstbewusstsein aus – gewissermaßen einen Stolz auf ihr eigenes Stück Land. Man bedenke, dass sie eine afroamerikanische Frau im Amerika der 1940er ist, also einer Zeit, in welcher die Apartheid deutlich präsent ist. Sie habe die Sicherheitsnadel, welche ihr Kleid vorne schließt „mit einem Stolz getragen, als wäre sie eine Edelsteinbrosche“, so Shaw über Mrs. Banks. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb diese Aufnahme zu seinen Lieblingsfotos zählt. Umso bedeutungsvoller wird nun auch das Motiv der Sicherheitsnadel, welches Katrin Pawlik auf ihrer Postkarte hat. 

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Im Auftrag des Collier’s-Magazins entstand in den 1940ern eine ganze Fotoserie über Farmer, die Shaw zusammen mit dem befreundeten Autor Harry Henderson während seiner Reisen durch Amerika aufnahm. Seine Farmer-Serie erinnert an die Arbeiten von Robert Frank und Walker Evans, die ebenso ein ausgeprägtes Interesse an sozialrelevanten Themen entwickeln, wodurch der sogenannte Human Interest zu einem zentralen Thema in der amerikanischen Fotografie der 1950er wird.


Das Interesse am Menschlichen – das ist es, was Shaw als Fotografen stets vorantreibt und zwar in jedem Moment seines Lebens, wie er selbst immer zu sagen pflegt: „Ich persönlich suche, um zu finden. Das Unerwartete zu finden, an der nächsten Ecke, zu sehen, was passiert, ist für mich ein visuelles Abenteuer.“ Eine Motivation, die ihn wohl auch 1961 dazu veranlasst haben muss die Putzfrau in einem Pariser Kino zu fotografieren.

Bloggerin Britta Rübsam sitzt schon seit längerem vor dieser Fotografie. Sie ist die einzige Teilnehmerin, die unsere Ausstellung bereits kennt und sogar schon einen erfrischenden Artikel dazu gebloggt hat (hier zum Artikel). Das wird wohl auch der Grund dafür sein, dass sie ihr Postkartenmotiv so schnell wiedergefunden hat. Doch kurze Zeit später gelangt auch die fotografisch versierte Instagramerin (instagram.com/mmaeckie ) Hildegard Mihm an das gemeinschaftliche Ziel.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Die zweiteilige Fotoserie zeigt die Straßenansicht eines Pariser Kinos. Während eine Putzfrau damit beschäftigt ist den Boden des Kino-Foyers zu säubern, läuft auf dem Bürgersteig eine schwarze Katze an der Fensterfront des Kinos entlang.

Bei seinen Spaziergängen durch Paris, entdeckt Shaw an jeder Ecke Erzählstränge für potentielle Geschichten. Auf seinen Reisen geht es ihm um die Begegnung mit Menschen, um das Agieren aus dem Moment heraus. In diesem Zusammenhang liest Hildegard Mihm ein für diese Aufnahme sehr zutreffendes Zitat von Shaw vor: „Auf dem Weg durchs Leben sollte man darauf achten, dass man sich von der Stelle bewegt und seine Umgebung bewusst wahrnimmt. Auf diese Weise wird das Leben selbst zu einer Kunst. Wichtig ist vor allem die Art, wie man die Dinge sieht.“ 
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Britta Rübsam mag an dieser Fotografie vor allem die situative Analogie zwischen Putzfrau und Katze: Beide bewegen sich auf allen Vieren in die gleiche Richtung  – zunächst voneinander getrennt durch die Fensterfassade des Gebäudes – bis sie dann an der Tür aufeinandertreffen.    
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Es sind diese kleinen, vermeintlich unbedeutenden Momente des Alltags, die Shaw nicht nur als bildwürdig, sondern sogar als reportagetauglich empfindet. So betrachtet er die Bildgeschichte per se als die „grundlegende Form des Fotojournalismus, einen Vorläufer der Filmindustrie.“   
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Eine Festlegung, die nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Shaw lange Zeit als Standfotograf in der Filmbranche und letztlich sogar selbst als Filmproduzent tätig war. Zum Beispiel entstand das Foto von Tony Curtis und Burt Lancaster 1955 auf dem Set des Films Trapez (1956). Während unserem Spiel war es der Blogger Norbert Schaldach (http://www.emschermensch.de/), der eine dazugehörige Postkarte gezogen hatte – allerdings war der Emschermensch auf seiner Suche wohl etwas auf dem Holzweg: Bei seinem Motiv einer geöffneten Handfläche handelte es sich nicht wie gedacht, um eine winkende oder abweisende Handgeste, sondern um die Hand eines Akrobaten, gespielt vom Schauspieler Burt Lancaster. Zwar kommt der Emschermensch von allen Teilnehmern als Letzter an sein Ziel, aber dafür hat er als Erster – man bedenke, schon am darauffolgenden Tag – einen sehr lesenswerten Blogartikel veröffentlicht (hier zum Artikel).    

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Auch der Teilnehmer Christopher Walhausen (Begleitung von Victoria Walhausen) staunte nicht schlecht, als er dann endlich das Originalfoto gefunden hatte. Seine Postkarte zeigte eine Nahaufnahme von zwei sich berührenden Zeigefingern. In der waagerechten Ansicht der Postkarte hatte er in Erwägung gezogen, ob es sich um eine moderne Version von Michelangelos Die Erschaffung Adams handeln könnte. Nein, Sam Shaw hat hier nicht die Zeigefinger Gottes und Adams fotografiert. Es ist der Finger von Burt Lancaster, dessen gesamtes Körpergewicht auf dem Zeigefinger von Tony Curtis lastet! Ganz schön starker Mann dieser Tony!  

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Doch das wohl kniffeligste Motiv hat ohne Frage die Instagramerin Claudia Schweppe (https://www.instagram.com/pottstories) getroffen. Zum einen hängt die Originalfotografie im aller letzten Ausstellungsraum, sodass die Teilnehmerin die gesamte Ausstellung nach dem Bildausschnitt durchforsten muss. Als wäre das nicht genug, handelt es sich bei dem Exponat um eine spezielle Mischform aus Fotografie und Zeichnung. Es ist eine sogenannte „Storyboard-Zeichnung“, die Shaw als Filmproduzent für eine Szene des Filmes Paris Blues (1961) anfertigte. Hierfür fotografierte er zunächst die Stufen am Montmartre in Paris und zeichnete nachträglich einen Bewegungsablauf auf die Fotografie. Dieses Vorgehen erleichterte ihm, die Bewegungen der Protagonisten szenografisch im Voraus zu planen.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Ähnlich wie Claudia Schweppe, die jene zeichnerisch skizzierten Menschengestalten auf ihrer Postkarte hatte, verzweifelt bei der Suche auch die Begleitperson von Dirk Trachternach ('dem Opa Hausen sein Kumpel'), der nämlich nur einen Ausschnitt der Treppenbalustrade auf seiner Postkarte hatte.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
 Wir erinnern uns zurück an die beiden akribisch suchenden Teilnehmer, die bereits im ersten Obergeschoss des Museums leichte Züge der Frustration zeigten:

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Ohne voneinander zu wissen, dass sie mit ihren Bildausschnitten letztendlich auf der Suche nach ein und derselben Fotografie sind, kreuzten sich ihre Wege mehrmals während der Suchaktion. Bis sie dann schließlich bei der Fotografie Paris Blues (1961) zueinander finden.


In diesem Sinne möchten wir allen Teilnehmern für den engagierten Sucheinsatz danken und freuen uns schon jetzt auf interessante Berichterstattungen, wahlweise Posts unter dem Hashtag #FindingTheUnexpected.

Bis zum nächsten Social Media- und Bloggertag!

Eure Linda und Natascha   


Wer noch nicht in unserer Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie war, hat noch bis zum 17. September Zeit dazu. Wir freuen uns auf euren Besuch!




Im Folgenden alle Berichterstattungen im Überblick:


Britta Rübsam:http://www.mein-ruhrgebiet.blog/sam-shaw-in-der-ludwiggalerie/














Montag, 10. Juli 2017

Marilyn Monroe in der LUDWIGGALERIE


Scarlett Andrews in der LUDWIGGALERIE, ExtraSchicht 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Bei der ExtraSchicht 2017 während der Ausstellung “Finding the Unexpected. Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie“, vom 21. Mai bis 17. September 2017 in der LUDWIGGALERIE
Autorin: Natascha Kurek


Ladies and gentlemen, it’s a great pleasure to welcome Marilyn Monroe to LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen! She “wanna be loved by you”, although her “heart belongs to Daddy”…


Unmittelbar vor den Werken der Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie performte das Marilyn Monroe-Double Scarlett Andrews die bekanntesten Songs der Hollywood-Legende. Wie in der berühmten Fotografie von Sam Shaw, wurde selbstverständlich auch hier das weiße Plisseekleid von einem kühlen Windstoß hochgeweht.


Die originale Filmsequenz aus Das verflixte 7. Jahr (1954) beginnt damit, dass Marilyn zusammen mit ihrem Schauspielpartner mitten in der New Yorker Sommerhitze ein Kino verlässt. „Isn’t it delicious?“ ruft sie, als plötzlich ihr Rock durch das Gebläse eines U-Bahn-Schachts hochgeweht wird. An dem Abend der ExtraSchicht war es zwar kein U-Bahn-Schacht, aber dafür ein auserwählter Herr aus dem Publikum, der die Ehre hatte, einen Ventilator zu betätigen. Eines steht fest: Das dabei entstandene Foto ruft bei wohl jedem die Erinnerung an das ikonenhafte Original von Sam Shaw hervor. 



Scarlett Andrews in der LUDWIGGALERIE, ExtraSchicht 2017  © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Bei der ExtraSchicht 2017, während der Ausstellung “Finding the Unexpected. Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie“, vom 21. Mai bis 17. September 2017 in der LUDWIGGALERIE
Kaum eine Frau wurde häufiger imitiert als sie. Geboren als Norma Jeane Mortenson und gestorben als Mythos Marilyn Monroe. Wahrlich eine Legende des 20. Jahrhunderts. Bis heute rätseln Autoren über ihre Persönlichkeit. Ihr Leberfleck und das weiße Plisseekleid sind längst zum modischen Markenzeichen avanciert. Sogar Andy Warhol stilisierte sie zu einer Ikone. Filmregisseure und Fotografen liebten sie für ihr Lächeln, ihre Energie. Allen voran Sam Shaw, der zu ihren engsten Freunden zählte.


Ausstellungsansicht „Let’s buy it“, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen/Axel Scherer
Vom 22. Januar bis 14. Mai 2017 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Let’s buy it! Kunst und Einkauf. Von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter

Marilyn Monroe und Sam Shaw lernen sich Anfang der 1950er bei den 20th Century Fox Studios kennen. Als „Mädchen für alles“ hält sie sich dort mit kleinen Gelegenheitsjobs über Wasser. Er hingegen gilt in der Filmbranche bereits als etablierter Standfotograf. Engagiert für eine neue Filmproduktion ist es ausgerechnet die noch unbekannte Schauspielerin, die ihn als Fahrerin von Set zu Set chauffiert. Mit der Zeit entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem Fotografen und der aufstrebenden Hollywood-Ikone.


Sam Shaw, Marilyn Monroe, New York City 1954 (Das verflixte 7. Jahr) © Sam Shaw Inc. - www.shawfamilyarchives.com
Vom 21. Mai bis 17. September 2017 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung “Finding the Unexpected. Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie

Als sie die Hauptrolle im Film Das verflixte 7. Jahr (1954) ergattert, ist es kein Geringerer als Sam Shaw, der die Filmstudios spontan davon überzeugt, jene legendäre Szene mit dem hochfliegenden Pilsseekleid in den Film zu integrieren. Zum Zwecke einer Werbekampagne lädt er 200 Fotografen zu diesem Drehtag ein, sodass die Bilder bereits am nächsten Tag weltweit durch die Presse gehen. Nach den Filmen Blondinen bevorzugt (1953) und How to marry a Millionaire (1953) wird auch Das verflixte 7. Jahr (1954) ein voller Erfolg. Spätestens jetzt ist der Weltstar Marilyn Monroe geboren.


Sam Shaw, Marilyn Monroe, New York City 1954 (Das verflixte 7. Jahr) © Sam Shaw Inc. - www.shawfamilyarchives.com
Vom 21. Mai bis 17. September 2017 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung “Finding the Unexpected. Sam Shaw. 60 Jahre Fotografie

Doch auch abseits des Beruflichen stehen sich die beiden nah. Spaßeshalber nennt sie ihn immer wieder „Sam Spade“, angelehnt an die amerikanische Filmfigur eines Privatdetektivs. Mindestens mit zwei, manchmal  sogar behangen mit vier Kameras, soll Sam Shaw stets auf der Suche nach dem Unerwarteten gewesen sein. So auch bei seinen Porträts von Marilyn. Für ihn ist sie mehr als nur ein sexy Pin-up-Girl. Er will ihr wahres Wesen fotografieren – hinter die Fassade blicken und das Unerwartete finden. Abseits des Glamours und der Erotik ist es vor allem ihre natürliche Seite, die er ihr immer wieder zu entlocken versucht: „Wenn sich Marilyn entspannte und mir vertraute, war sie ganz besonders schön und verletzlich. Die wirkliche Marilyn war schön, nicht der Star.“

Besonders in den Phasen ihrer Eheschließungen und Scheidungen steht er ihr als guter Freund zur Seite. Bei Tag oder bei Nacht – Marilyn scheut sich zu keiner Uhrzeit Sam anzurufen und ihn um Rat zu bitten. Umso anrührender ist es, dass er sich aus Pietätsgründen zehn Jahre lang nach ihrem Tod weigert, ihre Aufnahmen zu veröffentlichen, ganz im Gegensatz zu manch anderen ihrer Fotografen.


Ausstellungsansicht „Marilyn Monroe“, 2012 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Vom 23. September 2012 bis 13. Januar 2013 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Marilyn Monroe. In Fotografien von George Barris, Allan Grant, Milton H. Greene, Tom Kelley, Leif-Eric Nygård und Bert Stern - The Last Sitting



Wie zum Beispiel der Mode- und Werbefotograf Bert Stern. Nur einige Wochen vor Marilyns Tod vereinbart er mit ihr ein mehrtägiges Fotoshooting in einer speziell dafür gemieteten Hotelsuite. Um eine neutrale Raumatmosphäre zu schaffen, bespannt er die Wände des Hotelzimmers mit weißem Papier. Er besorgt durchsichtige Tücher, mit denen Marilyn spielerisch ihren Körper verhüllen soll. Ein Karton ihres Lieblingschampagners steht für sie bereit und stimmungsvolle Musik läuft im Hintergrund. Das Fotoshooting dauert die ganze Nacht und es folgen noch weitere dieser Art. Nach Marilyns unerwartetem Tod vermarktet er die Aufnahmen unter dem Titel The Last Sitting. Hierbei veröffentlicht er auch einige der Aktfotos, welche Marilyn ausdrücklich abgelehnt hatte.



Ausstellungsansicht „Marilyn Monroe“, 2012 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Vom 23. September 2012 bis 13. Januar 2013 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Marilyn Monroe. In Fotografien von George Barris, Allan Grant, Milton H. Greene, Tom Kelley, Leif-Eric Nygård und Bert Stern - The Last Sitting



Ein vergleichbarer Vorfall ereignete sich schon zu Marilyns Lebzeiten: Nur kurze Zeit bevor sie Sam Shaw kennenlernt, posiert die noch unbekannte Schauspielerin 1949 nackt für Tom Kelley. Drei Jahre nach dem Shooting werden Marilyns Nacktaufnahmen in einem Pin-up-Kalender veröffentlicht. Angesichts der Tatsache, dass es sich hierbei um die prüden 1950er handelt und Marilyn gerade auf dem besten Wege ist als Schauspielerin Anerkennung zu finden, steht die skandalträchtige Wirkung solcher Nacktaufnahmen außer Frage. Dennoch gelingt es ihr diesen Umstand in öffentlichen Interviews humorvoll zur meistern – letztlich sogar daraus einen werbewirksamen Nutzen für ihre Karriere zu ziehen.


Ausstellungsansicht „Marilyn Monroe“, 2012 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Vom 23. September 2012 bis 13. Januar 2013 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Marilyn Monroe. In Fotografien von George Barris, Allan Grant, Milton H. Greene, Tom Kelley, Leif-Eric Nygård und Bert Stern - The Last Sitting


Sam Shaw, Bert Stern oder Tom Kelley – in die Reihe derjenigen Fotografen, denen es gelang die schöne Schauspielerin vor die Linse zu bekommen, fügt sich als letztes Glied auch Allan Grant ein. Für den 6. Juli 1962 wird Grant vom LIFE-Magazin dazu beauftragt, ein Interview zwischen Marilyn Monroe und Richard Meryman fotografisch zu begleiten.
Nach ihrem plötzlichen Tod am 5. August 1962 erscheinen diverse zuvor unveröffentlichte Fotostrecken von ihr. Sowohl Stern als auch Grant nehmen beide für sich in Anspruch, das jeweils „letzte“ Shooting mit Marilyn Monroe gehabt zu haben.


Ausstellungsansicht „Marilyn Monroe“, 2012 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Vom 23. September 2012 bis 13. Januar 2013 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Marilyn Monroe. In Fotografien von George Barris, Allan Grant, Milton H. Greene, Tom Kelley, Leif-Eric Nygård und Bert Stern - The Last Sitting

Derjenige Fotograf, der sich damals ganz bewusst aus der Öffentlichkeit heraus hielt, ist Sam Shaw. Am besten verschafft ihr euch selbst einen Eindruck von den Fotografien und erfahrt mehr über das besondere Verhältnis zwischen Marilyn Monroe und Sam Shaw. Wer weiß, vielleicht findet ihr ja auch das Unerwartete.
Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie, bis zum 17. September 2017 in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen.   


Ausstellungsansicht „Marilyn Monroe“, 2012 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
  Vom 23. September 2012 bis 13. Januar 2013 in der LUDWIGGALERIE während der Ausstellung „Marilyn Monroe. In Fotografien von George Barris, Allan Grant, Milton H. Greene, Tom Kelley, Leif-Eric Nygård und Bert Stern - The Last Sitting



Donnerstag, 18. Mai 2017

Gesucht und gefunden! Über das Unerwartete im Ausstellungsumbau – FINDING THE UNEXPECTED. SAM SHAW. 60 JAHRE FOTOGRAFIE eröffnet am 21. Mai

Autorin: Natascha Kurek

Endlich sind die Fotografien von Sam Shaw eingetroffen. Seit fast zwei Jahren reist die Ausstellungstournee der Shaw Family Archives nun schon durch die Welt: Gestartet in New York, war die erste Adresse das Cultural Center Cascais in Lissabon (Sep. – Nov. 2015). Nach einer Werkschau in Prag (Okt. 2016 – Jan. 2017) ging es direkt weiter ins Filmmuseum Potsdam (Feb. – Mai 2017).


Lieferung aus Potsdam


Kuratorin Nina Dunkmann nimmt die Lieferung aus Potsdam stolz in Empfang. Sam Shaw – der Mann mit der Kamera, stets auf der Suche nach dem Unerwarteten, wie er selbst immer zu sagen pflegte: „Ich persönlich suche, um zu finden. Das Unerwartete zu finden, an der nächsten Ecke, zu sehen, was passiert, ist für mich ein visuelles Abenteuer“. Als ob auch diese Tournee ein Abenteuer für den Fotografen wäre, scheint er seine Linse aus den Bildgrenzen heraus, auf die LUDWIGGALERIE zu richten.


Auf Rosen gebettet im Auto von
Philipp Valenta
Zusammen mit Sam Shaw begeben wir uns auf die Suche nach dem Unerwarteten – das Unerwartete im Ausstellungsumbau: Zunächst einmal muss Platz geschaffen werden; immerhin warten überall noch die Kunstwerke der LET’S BUY IT!-Ausstellung auf ihren Abtransport. Ein Kommen und Gehen steht an der Tagesordnung. Transportunternehmen, Leihgeber und Künstler trudeln fröhlich ein, um ihre Exponate wieder abzuholen.

So zum Beispiel auch Philipp Valenta, der sein Werk Auf Rosen gebettet (2014) persönlich abbaute. Es handelte sich hierbei um eine Installation, bestehend aus einigen Kissen; allerdings aus dem gleichen Stoff, wie die Geldsäcke der Deutschen Nationalbank. Einladend, fast schon provokant, waren diese kissenförmigen Geldsäcke während der Ausstellung auf dem Fußboden drapiert. Welcher Besucher wird bei diesem Anblick nicht dazu verleitet, sich genüsslich, wie Auf Rosen gebettet, in den Kissenberg zu werfen? Während die Museumsaufsichten 12 Wochen lang darum bangten, dass sich bloß kein Besucher auf die Kunstobjekte legt, kommt Philipp Valenta beim Ausstellungsabbau daher, klemmt sich die Kissen ganz lässig unter’n Arm, um sie anschließend im handwerklichen Pragmatismus einfach auf die Rückbank seines Autos zu packen. Sehr sympathisch und zudem: Der wohl ‚unkomplizierteste‘ Abbau in der Geschichte der LUDWIGGALERIE!

Ein wenig anders verhält es sich mit den restlichen Umbauarbeiten. Alle helfen mit! Es wird geschleppt, gestrichen, in den Tiefen überdimensional großer Boxen gewühlt und sogar die Fenster werden für die feierliche Ausstellungseröffnung am Samstag, den 20. Mai  blitzeblank geputzt.


Volontärin Linda Schmitz in vollem Körpereinsatz


Für die Vernissage am Samstag soll alles glänzen



Praktikantin Simone Rankl scheute sich vor keiner Arbeit

An solchen Tagen hilft nur Kaffee, Kaffee... und Kaffee! Und falls doch alle Stricke reißen, war auch für originale Campbell´s Dosensuppe gesorgt - ganz im Stil von Warhol





Bürostuhl des Oberbürgermeisters Daniel Schranz steht bereit zum
Rücktransport in das Oberhausener Rathaus 


Gerne erinnern wir uns zurück an die Performance von Künstlerin Christin Lahr, die dem Oberbürgermeister Daniel Schranz seinen Bürostuhl im Rathaus entwendete. Im Rahmen der Ausstellung LET’S BUY IT! war das Diebesgut in ihrer Installation Suche Kapital als unmittelbarer Ausdruck von Macht integriert. Nun wird der Bürostuhl wieder, wie versprochen, zurück ins Oberhausener Rathaus gebracht.
 
In den angelieferten Artcases der Shaw Family Archives verstecken sich die Fotografien von Sam Shaw  


Volontärin Linda Schmitz packt die Fotografien aus den Artcases, "und wohin kommt dieses Werk?"
Langsam leeren sich die Ausstellungsräume der LUDWIGGALERIE. Es wird Zeit, die angelieferten Artcases der Shaw Family Archives auszupacken. Direktorin Dr. Christine Vogt und Volontärin Linda Schmitz holen behutsam die Fotografien aus den Boxen. „Und wohin kommt dieses Werk?“ – DAS weiß nur Kuratorin Nina Dunkmann! Ein Blick auf den Raumlageplan und hopphopp weiter mit dem nächsten Bild, bitte – immerhin sind es insgesamt noch 230 gerahmte Fotografien, die allesamt ausgepackt, sortiert, gesäubert, gehangen und beschildert werden müssen.


Kuratorin Nina Dunkmann weiß Becheid

Als kleiner Vorgeschmack für euch: Exklusive Einblicke in die geheimen Kuratoren-Unterlagen:


Kuratorische Pläne zur Ausstellung
Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie



Wie die Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie letztlich aussehen wird, könnt ihr in dem Zeitraum  21.5.-17.9.2017 am besten selber herausfinden. Wir freuen uns auf euren Besuch! 



       


Montag, 3. April 2017

Wir hatten nichts Besseres zu tun! Ein Ausstellungsrundgang mit LAAS ABENDROTH



Autorin: Linda Schmitz


Wenn man dem Mülheimer Künstler Laas Abendroth eine Email über seine offizielle Homepage schreibt, dann steht in der Betreffzeile automatisch „Ich habe nichts Besseres zu tun“. Und genau diese Form des Humors ist es, die den Teilnehmerinnen von Schüler führen Schüler so gefällt. (Zur Beschreibung des Projekts "Schüler führen Schüler siehe Blogeintrag vom 27.3.2017)
Die Kunst von Laas Abendroth ist schwer in Worte zu fassen – findet er doch schon selbst die besten Worte innerhalb seiner Kunstwerke. Im gemeinsamen Rundgang mit ihm durch die Ausstellung Let’s buy it! ermöglichen seine Aussagen auch viel Gesprächsraum für uns Betrachter.



Laas Abendroth und die Teilnehmerinnen von "Schüler führen Schüler" beim gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung "Let's buy it" © LUDWIGGALERIE
Sie können auch mal was tun für mein Geld von Laas Abendroth © Laas Abendroth
Immer wieder trifft man in Abendroths Oeuvre auf Leinwände, Keilrahmenfragmente und Leinwandbausätze. Das in der Ausstellung eingangs präsentierte Werk „Sie können auch mal was tun für mein Geld“ ist genau so ein Bausatz. „Mich hat das von Anfang an an Ikea erinnert“, meint Ina. Laas nimmt dieses Werk zum Anlass um seine Herangehensweise zu erklären. Er setzt seine Leinwände immer selbst zusammen und bespannt sie danach. „Das hat für mich sowas beruhigendes. Ich mache das mittlerweile quasi automatisch und man muss nicht so viel darüber nachdenken und wenn man damit fertig ist hat man schon was in der Hand. Es ist also ein guter Start in den Arbeitsprozess.“

Laas Abendroth und die Teilnehmerinnen von Schüler führen Schüler im Gespräch über "den Feuerlöscher" © LUDWIGGALERIE
„Bitte im Brandfall nicht auf meine  Bilder richten! Danke, Laas“ steht auf einem weißen Zettel, der auf einen Feuerlöscher geklebt wurde. Der Feuerlöscher gehört im übrigen gar nicht Laas, sondern der LUDWIGGALERIE J „Manchmal wird der Feuerlöscher falsch verstanden. Denn eigentlich ist das unter Künstlern so, verbrannt ist wie verkauft. Wenn etwas verbrennt zahlt ja die Versicherung. Also eigentlich gut für einen Künstler. Aber ich mag meine Sachen! Sie sollen nicht verbrennen! Trotzdem muss Kunst wieder weniger werden (zeigt auf sein Kunstwerk Kunst muss wieder weniger werden) also vor allem meine Kunst, aber natürlich durch Verkauf J
Dieses Kunstwerk gehört zu den Lieblingsobjekten der Teilnehmerinnen von Schüler führen Schüler © Laas Abendroth
„Der Feuerlöscher ist unser Liebling“, sagt Iliana. „Wir kamen bei unserem ersten Besuch in die zweite Etage und da stand dieser Feuerlöscher – ich hab nur draufgeguckt und wusste sofort: Das ist von Laas!“ Die Schülerin beschreibt das Phänomen sehr treffend. Laas Abendroths Aussagen haben einen enormen Wiedererkennungswert und bleiben dabei doch unvorhersehbar. Und sie ziehen sich tatsächlich durch die gesamte Ausstellung! Sein Werk Geld auf Leinwand befindet sich daher, sehr treffend, neben dem millionenschweren Gemälde Mutter und Tochter von Gerhard Richter.
Abschluss des gemeinsamen Rundgangs vor "Das lasse ich mir von einem Kurator nicht denken" © LUDWIGGALERIE



Zunächst bleiben wir aber vor einer anderen Arbeit stehen Das lasse ich mir von einem Kurator nicht denken. Laas berichtet von dem Phänomen der Überinterpretation. So mancher Künstler hat wohl schon erlebt, dass Kunsthistoriker sich mit den Deutungen überschlagen. Aber das ist ja auch das Schöne an der Kunst – sie eröffnet Raum zum Denken. Was richtig und was falsch oder was gar Intention ist, kann und muss dabei auch nicht unbedingt ausfindig gemacht werden. Sophie verweist auf eine Frage, die wir wohl alle schon einmal vom Lehrer gehört haben „Und was hat sich der Künstler dabei gedacht?“. Gut dass wir Laas dabei haben, dann können wir den Künstler mal persönlich fragen!


Liebe Grüße an alle Leser und bis bald,


Linda