Mittwoch, 9. August 2017

Social Media- und Bloggertag #FindingTheUnexpected in den Fotografien von SAM SHAW

Autorin: Natascha Kurek



Letzten Sonntag war es wieder so weit: In der LUDWIGGALERIE fand der dritte Social Media- und Bloggertag statt. Mit der aktuellen Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie zeigt die LUDWIGGALERIE eine umfassende Retrospektive des New Yorker Fotografen Sam Shaw (1912-1999). Er hatte die ganz großen vor der Linse: Marilyn Monroe, Sophia Loren, Woody Allen, Elizabeth Taylor oder Patti Smith – nur um einige wenige Namen zu nennen. Sam Shaw kannte also die Prominenz. So weit, so gut.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

„Doch wird man als Fotograf nur dann berühmt und erfolgreich, wenn man berühmte und erfolgreiche Persönlichkeiten fotografiert?“, wirft Linda Schmitz provokant in den Raum. Eine durchaus berechtigte Frage.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Dem Titel der Ausstellung entsprechend besteht das Ziel des Bloggertages diesmal darin, das Unerwartete zu finden. Zweifelsohne lassen sich unerwartete Pointen auch in seinen Porträts der Reichen und Berühmten entdecken – wir aber begeben uns an diesem Tag eher auf einen Weg fernab des Hollywood-Glamours und richten unsere Aufmerksamkeit auf die arbeitende Gesellschaft sowie auf die kleinen Skurrilitäten des Alltags; denn ja, Sam Shaw interessierte sich als Fotograf auch für die 'Normalsterblichen'. 

Um den teilnehmenden Bloggern eine Fährte vorzugeben, bereiten wir eine kleine Suchaktion vor: Jeder Blogger erhält eine Postkarte, die den isolierten Ausschnitt einer Fotografie von Sam Shaw enthält. Doch welches ist nun das entsprechende Originalfoto in der Ausstellung? Immerhin besteht die Ausstellung aus ca. 230 Schwarz-Weiß-Fotografien...


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Der Startschuss ist gefallen! Die Suche nach dem Unerwarteten kann beginnen! Was keiner der Teilnehmer weiß: Zu jeder einzelnen Fotografie sind jeweils zwei verschiedene Bildausschnitte im Umlauf. Das heißt, im besten Fall findet man nicht nur die richtige Fotografie, sondern man stößt dabei unerwarteterweise auf einen weiteren Suchkompanen.  
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE


Immer wieder pendelt der Blick zwischen dem Postkartenmotiv in der Hand und den Bildern an den Wänden. Mit zusammengekniffenen Augen durchschreiten die Blogger konzentriert die Museumsräume, um das entscheidende Detail bloß nicht zu übersehen. Ganz sicher, dass sich der Bildausschnitt nicht doch als kleines Minidetail in einem dieser Bilder hier versteckt? Lieber noch einmal genauer hingucken. Manch einer droht sogar an der Suchaktion zu verzweifeln. Doch siehe da, wer hätte das gedacht: Opa Hausen (Facebook oder Homepage), der als berenteter Bergmann nicht unbedingt zu den körperlich fittesten Teilnehmern zählt, wird tatsächlich als einer der ersten fündig: „Hier haste doch die Knarre!“.


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

In derselben Fotografie entdeckt auch Bloggerin Victoria Walhausen (www.mesdamespottpouri.de) ihr eher unansehnliches Postkartenmotiv: Ein männliches Doppelkinn. Es gehört zu einem korpulenten Sheriff, den Shaw 1946 vor einem Wahllokal in Mississippi fotografiert. Mit der Pistole an seiner Gürtelschnalle, führt er sich eine Pfeife zum Mund, während er die schwarzen Demonstranten bewacht.
Zusammen mit dem befreundeten Autor Harry Henderson besucht Shaw einige Wahlkampfreden von Theodore G. Bilbo (Senator von Mississippi), der für die rassistische White Supremacy-Bewegung wirbt, was die afroamerikanische Bevölkerung in Aufruhr versetzt. Auch Shaw und Henderson stehen der Bewegung kritisch gegenüber, was sie in ihren Reportagen immer wieder durchsickern lassen. 


Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
In der Diskussionsrunde bringen Opa Hausen (alias Dirk Trachternach) und Victoria Walhausen die Komposition der Fotografie treffend auf den Punkt: Mit dem Aufbau des Bildes ist es Shaw gelungen die herrschenden Machtstrukturen eindringlich zu visualisieren. So nimmt der verhältnismäßig hell ausgeleuchtete Körper des Sheriffs fast die Hälfte des Bildes ein, während die Demonstranten als Menschenmasse in den dunklen Bildhintergrund gedrängt sind. In Anbetracht seines eher unansehnlichen Erscheinungsbildes spricht Linda Schmitz sogar von einer „Ästhetik des Bösen“, die Shaw hier greifbar macht.


Ganz in der Nähe haben auch die beiden Bloggerinnen Anja Schmid (http://pottandbeyond.de/) und Katrin Pawlick (www.Literatur-und-Kultur.de) mit ihren Postkartenmotiven zueinander gefunden. Sowohl die übergeschlagenen Hände, als auch der von einer Sicherheitsnadel zusammengehaltene Stoff stellen sich als Attribute der Farmpächterin Mrs. Banks heraus, die Shaw 1943 in Missouri fotografierte.
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Im Wohnraum ihres Farmerhauses sitzt Mrs. Banks vor einem Fenstervorhang. Die Szenerie gleicht einer Porträtsituation im Fotostudio, nur dass die Hintergrundstaffage in diesem Fall dem privaten Lebensraum der Porträtierten entspricht. Gezeichnet von harter körperlicher Arbeit, strahlt ihre Körperhaltung dennoch Selbstbewusstsein aus – gewissermaßen einen Stolz auf ihr eigenes Stück Land. Man bedenke, dass sie eine afroamerikanische Frau im Amerika der 1940er ist, also einer Zeit, in welcher die Apartheid deutlich präsent ist. Sie habe die Sicherheitsnadel, welche ihr Kleid vorne schließt „mit einem Stolz getragen, als wäre sie eine Edelsteinbrosche“, so Shaw über Mrs. Banks. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb diese Aufnahme zu seinen Lieblingsfotos zählt. Umso bedeutungsvoller wird nun auch das Motiv der Sicherheitsnadel, welches Katrin Pawlik auf ihrer Postkarte hat. 

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Im Auftrag des Collier’s-Magazins entstand in den 1940ern eine ganze Fotoserie über Farmer, die Shaw zusammen mit dem befreundeten Autor Harry Henderson während seiner Reisen durch Amerika aufnahm. Seine Farmer-Serie erinnert an die Arbeiten von Robert Frank und Walker Evans, die ebenso ein ausgeprägtes Interesse an sozialrelevanten Themen entwickeln, wodurch der sogenannte Human Interest zu einem zentralen Thema in der amerikanischen Fotografie der 1950er wird.


Das Interesse am Menschlichen – das ist es, was Shaw als Fotografen stets vorantreibt und zwar in jedem Moment seines Lebens, wie er selbst immer zu sagen pflegt: „Ich persönlich suche, um zu finden. Das Unerwartete zu finden, an der nächsten Ecke, zu sehen, was passiert, ist für mich ein visuelles Abenteuer.“ Eine Motivation, die ihn wohl auch 1961 dazu veranlasst haben muss die Putzfrau in einem Pariser Kino zu fotografieren.

Bloggerin Britta Rübsam sitzt schon seit längerem vor dieser Fotografie. Sie ist die einzige Teilnehmerin, die unsere Ausstellung bereits kennt und sogar schon einen erfrischenden Artikel dazu gebloggt hat (hier zum Artikel). Das wird wohl auch der Grund dafür sein, dass sie ihr Postkartenmotiv so schnell wiedergefunden hat. Doch kurze Zeit später gelangt auch die fotografisch versierte Instagramerin (instagram.com/mmaeckie ) Hildegard Mihm an das gemeinschaftliche Ziel.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE

Die zweiteilige Fotoserie zeigt die Straßenansicht eines Pariser Kinos. Während eine Putzfrau damit beschäftigt ist den Boden des Kino-Foyers zu säubern, läuft auf dem Bürgersteig eine schwarze Katze an der Fensterfront des Kinos entlang.

Bei seinen Spaziergängen durch Paris, entdeckt Shaw an jeder Ecke Erzählstränge für potentielle Geschichten. Auf seinen Reisen geht es ihm um die Begegnung mit Menschen, um das Agieren aus dem Moment heraus. In diesem Zusammenhang liest Hildegard Mihm ein für diese Aufnahme sehr zutreffendes Zitat von Shaw vor: „Auf dem Weg durchs Leben sollte man darauf achten, dass man sich von der Stelle bewegt und seine Umgebung bewusst wahrnimmt. Auf diese Weise wird das Leben selbst zu einer Kunst. Wichtig ist vor allem die Art, wie man die Dinge sieht.“ 
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Britta Rübsam mag an dieser Fotografie vor allem die situative Analogie zwischen Putzfrau und Katze: Beide bewegen sich auf allen Vieren in die gleiche Richtung  – zunächst voneinander getrennt durch die Fensterfassade des Gebäudes – bis sie dann an der Tür aufeinandertreffen.    
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Es sind diese kleinen, vermeintlich unbedeutenden Momente des Alltags, die Shaw nicht nur als bildwürdig, sondern sogar als reportagetauglich empfindet. So betrachtet er die Bildgeschichte per se als die „grundlegende Form des Fotojournalismus, einen Vorläufer der Filmindustrie.“   
Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Eine Festlegung, die nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass Shaw lange Zeit als Standfotograf in der Filmbranche und letztlich sogar selbst als Filmproduzent tätig war. Zum Beispiel entstand das Foto von Tony Curtis und Burt Lancaster 1955 auf dem Set des Films Trapez (1956). Während unserem Spiel war es der Blogger Norbert Schaldach (http://www.emschermensch.de/), der eine dazugehörige Postkarte gezogen hatte – allerdings war der Emschermensch auf seiner Suche wohl etwas auf dem Holzweg: Bei seinem Motiv einer geöffneten Handfläche handelte es sich nicht wie gedacht, um eine winkende oder abweisende Handgeste, sondern um die Hand eines Akrobaten, gespielt vom Schauspieler Burt Lancaster. Zwar kommt der Emschermensch von allen Teilnehmern als Letzter an sein Ziel, aber dafür hat er als Erster – man bedenke, schon am darauffolgenden Tag – einen sehr lesenswerten Blogartikel veröffentlicht (hier zum Artikel).    

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Auch der Teilnehmer Christopher Walhausen (Begleitung von Victoria Walhausen) staunte nicht schlecht, als er dann endlich das Originalfoto gefunden hatte. Seine Postkarte zeigte eine Nahaufnahme von zwei sich berührenden Zeigefingern. In der waagerechten Ansicht der Postkarte hatte er in Erwägung gezogen, ob es sich um eine moderne Version von Michelangelos Die Erschaffung Adams handeln könnte. Nein, Sam Shaw hat hier nicht die Zeigefinger Gottes und Adams fotografiert. Es ist der Finger von Burt Lancaster, dessen gesamtes Körpergewicht auf dem Zeigefinger von Tony Curtis lastet! Ganz schön starker Mann dieser Tony!  

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Doch das wohl kniffeligste Motiv hat ohne Frage die Instagramerin Claudia Schweppe (https://www.instagram.com/pottstories) getroffen. Zum einen hängt die Originalfotografie im aller letzten Ausstellungsraum, sodass die Teilnehmerin die gesamte Ausstellung nach dem Bildausschnitt durchforsten muss. Als wäre das nicht genug, handelt es sich bei dem Exponat um eine spezielle Mischform aus Fotografie und Zeichnung. Es ist eine sogenannte „Storyboard-Zeichnung“, die Shaw als Filmproduzent für eine Szene des Filmes Paris Blues (1961) anfertigte. Hierfür fotografierte er zunächst die Stufen am Montmartre in Paris und zeichnete nachträglich einen Bewegungsablauf auf die Fotografie. Dieses Vorgehen erleichterte ihm, die Bewegungen der Protagonisten szenografisch im Voraus zu planen.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Ähnlich wie Claudia Schweppe, die jene zeichnerisch skizzierten Menschengestalten auf ihrer Postkarte hatte, verzweifelt bei der Suche auch die Begleitperson von Dirk Trachternach ('dem Opa Hausen sein Kumpel'), der nämlich nur einen Ausschnitt der Treppenbalustrade auf seiner Postkarte hatte.

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
 Wir erinnern uns zurück an die beiden akribisch suchenden Teilnehmer, die bereits im ersten Obergeschoss des Museums leichte Züge der Frustration zeigten:

Social Media- und Bloggertag, SAM SHAW, 2017 © LUDWIGGALERIE
Ohne voneinander zu wissen, dass sie mit ihren Bildausschnitten letztendlich auf der Suche nach ein und derselben Fotografie sind, kreuzten sich ihre Wege mehrmals während der Suchaktion. Bis sie dann schließlich bei der Fotografie Paris Blues (1961) zueinander finden.


In diesem Sinne möchten wir allen Teilnehmern für den engagierten Sucheinsatz danken und freuen uns schon jetzt auf interessante Berichterstattungen, wahlweise Posts unter dem Hashtag #FindingTheUnexpected.

Bis zum nächsten Social Media- und Bloggertag!

Eure Linda und Natascha   


Wer noch nicht in unserer Ausstellung Finding the Unexpected. SAM SHAW. 60 Jahre Fotografie war, hat noch bis zum 17. September Zeit dazu. Wir freuen uns auf euren Besuch!




Im Folgenden alle Berichterstattungen im Überblick:


Britta Rübsam:http://www.mein-ruhrgebiet.blog/sam-shaw-in-der-ludwiggalerie/