Dienstag, 14. November 2017

Das Leben des Señor Mordillo – und wie es zur Knollennase kam




Guillermo Mordillo in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Sein Name ist längst zur Marke geworden. Weltweit kennt man seine knollennasigen Figuren, die so viel zu erzählen wissen, erstaunlicherweise ohne dabei ein Wort zu verlieren. Als Guillermo Mordillo am 23. September 2017 zu Besuch in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen ist, um die Ausstellung "The Very Optimistic Pessimist" zu eröffnen, erklärt er am Rednerpult, dass er kein Mann vieler Worte sei. Alles, was er der Welt zu sagen habe, hänge an den Wänden dieses Museums. Dass es offensichtlich doch so Vieles ist, was er zu sagen hat – immerhin sind hier zurzeit über 150 seiner originalen Zeichnungen ausgestellt – scheint selbst ihn zu überwältigen.


Guillermo Mordillo in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Geboren am 4. August 1932, als Sohn spanischer Immigranten, verbringt Mordillo seine Kindheit im argentinischen Buenos Aires. Schon als Kind beeindrucken ihn Disney-Filme, wie "Schneewittchen und die sieben Zwerge", "Pinocchio" und "Bambi", woraufhin er den großen Traum entwickelt, Trickfilmzeichner zu werden. Mit 13 Jahren zeichnet er seinen ersten Cartoon: "Pascacio, der Landstreicher". Pascacio ist eine vermenschlichte Tierfigur, um genauer zu sein, ein schwarzer Kater mit herzchenförmig umrandeten, weißen Gesicht – eine stilistische Ähnlichkeit zu Walt Disneys "Mickey Mouse" ist unverkennbar. Ohne es zu wissen, prophezeit er mit dieser kleinen Geschichte gewisse Züge seines eignen Lebens, denn Kater Pascacio zieht, wie auch später Mordillo selbst, in der Welt umher und hangelt sich von Job zu Job.



„Pascacio, der Landstreicher“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

1948 absolviert der 16-jährige Mordillo einen Abschluss an der Escuela Superior de Periodismo (Schule für Journalismus). Doch das Kommunikationsmedium der geschriebenen Sprache genügt ihm nicht, sodass er zwei Jahre später bei den Filmstudios Burone Brouché als Trickfilmzeichner zu arbeiten beginnt. Nebenher illustriert er Kindergeschichten für den Verlag Editorial Códex. Unter anderem "Die drei kleinen Schweinchen" (1950). Der Einfluss der Walt Disney Studios ist deutlich wahrnehmbar: Mordillo zeichnet die drei Schweinchen und den Wolf mit menschlichen Attributen. Vor allem der Wolf mit Latzhose und Hut scheint angelehnt an die 1933 veröffentlichte Disney-Version "Silly Symphonies: The Three Little Pigs". Doch schon hier machen sich stilistische Eigenarten Mordillos bemerkbar, die später das Aussehen seiner knollennasigen Figuren bestimmen sollen: Im Vergleich zu der Disney-Fassung wirken seine Schweinchen liebevoller und – ganz wichtig: sie sind kugeliger gezeichnet!


„Die drei kleinen Schweinchen“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Zwischenzeitlich illustriert er für lokale Magazine, bis er 1955 Argentinien verlässt und nach Lima, in die Hauptstadt Perus zieht, wo er dann als freiberuflicher Grafikdesigner für die Werbeagentur McCann Erickson arbeitet. In dieser Zeit entstehen seine Illustrationen der Erzählungen "Die Fabeln von Äsop" und "Die Fabeln von Samaniego" (1955). 1959 beginnt er humoristische Grußkarten für Hallmark Cards zu entwerfen.

„Die Fabeln von Äsop“ und „Die Fabeln von Samaniego“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
1960 erfolgt der Umzug nach New York. Es gelingt ihm bei Paramount Pictures eine Anstellung als „Inbetweener“ zu erhalten. Ein „Inbetweener“ ist weniger für die Kreierung der Charaktere zuständig, als vielmehr für die Visualisierung detaillierter Handlungsabläufe von bereits vorgegebenen Stories und Figuren. In diesem Rahmen ist er an Projekten, wie "Popeye the Sailor" und "Little Lulu" beteiligt. Doch sein großes Talent für das Entwerfen von Figuren bleibt nicht unbemerkt, sodass er schließlich den Auftrag erhält, einen Charakter für den Kurzfilm "Trick for Tree" zu kreieren. Er entwirft einen kleinen Vogel, der einen Baum bewohnt. Vehement und äußerst geschickt wehrt sich der Vogel gegen jegliche Versuche des Rangers, den kleinen Baumbewohner aus seinem geliebten Heim zu vertreiben.

„Trick for Tree“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Sein großer Traum, Trickfilmzeichner für ein etabliertes Unternehmen zu werden, ist in Erfüllung gegangen. Allerdings ist Mordillo unzufrieden. Nach und nach bemerkt er einen Qualitätsunterschied zwischen Paramount Pictures und den Walt Disney Studios. Er schaut sich nach anderen Projekten um. Nur kurze Zeit später (1961), beginnt er wieder als Designer von Grußkarten zu arbeiten. Diesmal beim New Yorker Unternehmen OZ Greetingcards. 1963 gestaltet er hier den Kalender "The OZ Working Girls of ´64". Es handelt sich um 12 Zeichnungen von Frauen im Stile von Pin-Up-Girls. Erstmalig tauchen hier seine weißen kugeligen Figuren auf – allerdings eher am Rande, mehr oder weniger als kleine männliche Wesen, die den Reizen der emanzipierten Frauen ergeben sind.

„The OZ Working Girls of ´64“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Als geborener Argentinier mit spanischer Abstammung zieht es ihn zu seinen familiären Wurzeln nach Europa. Die englische Sprache beherrscht er, sodass es für ihn naheliegend erscheint, England anzuvisieren. Doch wie es der Zufall so will, landet er in Paris. Obwohl er der französischen Sprache nicht mächtig ist, erhält er dank seines zeichnerischen Talents eine Anstellung als Grußkartengestalter bei Mic-Max. Nach mehrjähriger erfolgreicher Zusammenarbeit, weigert sich Mic-Max den Lohn entsprechend zu erhöhen. Mordillo kündigt und wagt endgültig den Schritt in die Selbstständigkeit!


Französische Grußkarten von „Mic-Max“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Er konzentriert sich auf eigene Projekte und beginnt Cartoons zu zeichnen, die gänzlich ohne Sprache auskommen. Am 31. Juli 1966 veröffentlich das französische Magazin Le Pelèrin eine dieser Zeichnungen. Der internationale Durchbruch naht: So publiziert unter anderem auch das deutsche Magazin Stern seine Arbeiten. 1970 erscheint dann in mehreren Ländern gleichzeitig sein erstes Bilderbuch "Das Piratenschiff". Neben Verlagen und Magazinen wird schließlich auch die Kunstwelt auf den Cartoonisten aufmerksam: 1974 werden erstmalig einige seiner Zeichnungen in der Pariser Galerie La Galere ausgestellt. Es bleibt nicht dabei. Ausstellungen im internationalen Raum, von Moskau über Barcelona bis hin nach China, würdigen sein künstlerisches Schaffen.


Zeichnung für französisches Magazin „Le Pelèrin“  in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen



Zeichnung für deutsches Magazin „Stern“  in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Seit den 1970ern erscheinen die charakteristischen Mordillo-Figuren in diversen Magazinen und Zeitungen, Geschenkartikeln sowie in Form von Animationen für das Fernsehen. 2005 wird das PC-Spiel "Jungle Fever" auf den Markt gebracht und 2010 das iPad-Spiel "Find them", welches seit 2013 auch als App verfügbar ist. Neben zahlreichen Auszeichnungen, findet 1992 eine erste umfassende Werkschau im Altonaer Museum in Hamburg statt. Zuletzt war es das Karikaturmuseum Krems, welches 2015 sein künstlerisches Schaffen in besonderem Maße würdigte. Nun ist es die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, die mit der Ausstellung "MORDILLO – The Very Optimistic Pessimist" noch bis zum 7. Januar 2018 über 150 originale Zeichnungen zeigt.


Trickfilmanimationen und PC-Spiel „Jungle Fever“ in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Mordillo feierte dieses Jahr seinen 85. Geburtstag. Bis zum heutigen Tage bringt er in seinem Atelier in Monaco unentwegt neue Bilder hervor. Neben seinen Einbildwitzen, Comicstrips, mehrteiligen Bildergeschichten und Wimmelbildern, sind in der LUDWIGGALERIE außerdem eine Reihe seiner amüsanten Trickfilm-Animationen zu sehen.


Guillermo Mordillo am Eröffnungsabend der Ausstellung „The Very Optimistic Pessimist“, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Autorin: Natascha Kurek


Dienstag, 7. November 2017

Ganz ohne Worte … Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der Ausstellung „MORDILLO – The Very Optimistic Pessimist“

Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Gefangen in einem Glaskasten. Eine Treppe herabsteigend und mit einer Rolltreppe wieder hochfahrend. Es sind die altbewährten Slapstick-Klassiker, die jedem von uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Hans-Jürgen Zwiefka hat sie alle in seinem Repertoire! Seit vier Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Theater, Tanz und schwerpunktmäßig mit der Pantomime. Vergangenen Sonntag performte er in der LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen, unmittelbar vor den Originalen der Ausstellung „MORDILLO – The Very Optimistic Pessimist“.  Ähnlich wie Mordillo, der mit seinen wortlosen Zeichnungen kleine Geschichte erzählt, bedarf auch Zwiefka keiner Sprachelemente.



Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
„Die Kunst der Pantomime arbeitet ganz bewusst mit Klischees“, erklärt Zwiefka und schwingt sich als Cowboy auf ein Pferd, um durch die Ausstellung zu galoppieren. Szenen, Gegenstände und selbst Orte werden in der Pantomime durch Gestik und Mimik verständlich gemacht. Gerade weil es sich um derart klischeebehaftete Situationen handelt, ist die Komik auf keinerlei Worte angewiesen. Das heißt aber keineswegs, dass Zwiefkas Aufführungen mucksmäuschenstill sind! Ganz im Gegenteil! Durch die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen schallt laute Musik, die auf die dargebotenen Sketche exakt abgestimmt ist.  




Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Immer wieder tritt Zwiefka in Interaktion mit den Museumsbesuchern. Als selbsternannter Scharfschütze schnappt er sich eine Dame aus dem Publikum, die als Zielscheibe für seine Nummer herhalten muss. Die Hemmschwellen seitens des Publikums sind groß. Verständlich, wer will schon freiwillig eine Zielscheibe sein? Nichtsdestotrotz: Nach seiner Aufführung melden sich 11 Interessenten, die an dem anschließenden Pantomime-Workshop teilnehmen.  
 


Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Die Absurdität der Situation spitzt sich zu: Unmittelbar vor Mordillos Originalen begeben sich die Teilnehmer zusammen mit Zwiefka auf die Suche nach dem verlegten Wohnungsschlüssel. Momente des Alltags, die jeder von uns kennt. Ähnlich wie Mordillio verwandelt auch Zwiefka alltägliche Situationen in absurde Geschichten. Manfred Schmidt beschreibt die interdisziplinäre Verbindung sehr zutreffend: „Man betrachtet Mordillos Zeichnungen wie einen Film, dessen Verkettungen voller Überraschungen aufeinander folgen. Die Gags entwickeln sich wie in den Filmen von Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Laurel und Hardy oder wie bei den Marx Brothers.“ Mordillo erzählt, wie auch der Slapstick, allein durch die Mimik und Gestik seiner wortlosen Knollennasen von den Irrungen und Wirrungen des Lebens.




Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Innerhalb des Kurzworkshops führt Zwiefka mit den Teilnehmern verschiedene Aufwärmübung für Mimik und Gestik durch: Ab jetzt darf man nur noch in ‚Slow-Motion‘-Geschwindigkeit durch den Raum schreiten und jedesmal, wenn sich zwei Personen versehentlich berühren, sollen beide zu Eisskulpturen erstarren. Die Stimmung innerhalb der Gruppe lockert sich zusehends.


Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Anschließend gibt es noch ein kleines Spiel: Die Teilnehmer werden in zwei sich gegenüberstehende Gruppen aufgeteilt. Der einen Gruppe zeigt Zwiefka den Begriff einer Emotion, wie zum Beispiel „Angst“.     


Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Nun liegt es an den Teilnehmern, diese Emotion körperlich so gut zum Ausdruck zu bringen, dass die andere Gruppe den Begriff errät. „Manchmal kann ein Blick, eine Haltung oder eine Geste mehr ausdrücken als viele Worte“, so Zwiefka über die Kunst der Pantomime, womit er bis zum Ende Recht behält, denn alle dargestellten Emotionen werden von den Teilnehmern korrekt erraten. Berührungsängste und Hemmschwellen wurden im Laufe des Workshops von allen Teilnehmern schnell überwunden, was an Zwiefkas gezielt eingesetzter Trainingsdidaktik liegt. Immerhin hat er bereits vier Bücher zum Themenbereich Pantomime geschrieben und mehrere Gruppenaufführungen erarbeitet. Weitere Informationen zur Person und zu buchbaren Angeboten gibt es auf seiner Homepage:  www.zwiefka-pantomime.de


Pantomimekünstler Hans-Jürgen Zwiefka in der MORDILLO-Ausstellung, 2017 © LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Autorin: Natascha Kurek